Augen auf am Wegesrand
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Auf der Spur von alten Apfelsorten, heimischen Gewächsen und bewusster Artenvielfalt
Artikel von Alexandra Arsan, Südostbayerische Rundschau vom 09.07.2026
Taching am See. Ein bisschen Regen? Ach was. Wer am Wegesrand auf Entdeckungstour geht, lässt sich von ein paar dicken Tropfen nicht vom Weg abbringen. Und so begann am Schröckenbauer-Hof bei Familie Filliung ein Streifzug durch eine Welt voller Wildem Dost, flatternder Feuerfalter, knorriger Obstbäume und geheimnisvoller Hohlwege. Die Exkursion gehörte zu den „BiOS-Erlebnissen“ der Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel. Das Thema: „Der Wegesrand als Lebensraum“. Unter bunten Regenschirmen steckten die Besucher die Köpfe zusammen. Schauten hin. Bückten sich. Staunten. Denn dort, wo Halme stehen bleiben dürfen, Blüten duften und alte Apfelsorten Geschichten erzählen, öffnete sich eine erstaunlich vielfältige Welt.
Ein Hof voller Lebensräume
Dass die Exkursion am Schröckenbauer-Hof stattfand, passte bestens. Seit 2002 bewirtschaften Christine Schachenmeier und Frank Filliung dieses Idylll und gelten als ausgezeichnete Naturbeobachter. Sie haben einen wachen Blick für alles entwickelt, was kreucht, fleucht, blüht, summt und Früchte trägt. Landschaftsplaner Oliver Kattner, beim Landschaftspflegeverband Traunstein zuständig für die Umsetzung des „Ökologischen Pflegekonzepts für gemeindliche Grünflächen“, brachte es gleich zu Beginn auf den Punkt: Weg- und Feldränder sind wertvolle Verbindungsachsen der Natur. Sie bilden grüne Korridore zwischen Biotopen und bieten Pflanzen, Insekten und anderen Tieren Nahrung, Schutz und Raum. Meist werden sie von den angrenzenden Landwirten mitgepflegt. Genau darin liegt eine große Chance. Denn nicht jeder Wegesrand muss kurz und akkurat gemäht sein. Manchmal ist ein bisschen Wildnis die eleganteste Form von Ordnung. Kreisfachberater Markus Breier ergänzte den Rundgang mit seinen Erfahrungen zu bereits angelegten Blühstreifen. Sein Blick wanderte dabei nicht nur über Blüten und Gräser, sondern auch hinauf in die Kronen der Obstbäume. Und Obstbäume gab es reichlich, denn in den letzten 20 Jahren wurden auf dem Biohof über 100 Stück gepflanzt, die langsam in den vollen Ertrag kommen.
Christine und Frank geben der Obstvielfalt viel Raum. Alte Sorten wie Grüner Rambur oder Zitronenapfel, die Christine früher nur aus Büchern kannte, tragen heute auf dem Hof Früchte. Echte Raritäten. Manchmal mit klarem Namen, manchmal noch voller Geheimnisse. Auf die Frage, wie sich solche Sorten sicher bestimmen lassen, wurde es beinahe detektivisch. Die Genetik hilft bei der Bestimmung zunehmend weiter. Doch Datenbanken und Untersuchungsverfahren sind international noch nicht vollständig vereinheitlicht. So bleibt mancher Apfel ein charmanter Verdachtsfall, so die Hofbesitzerin. Mit großer Wertschätzung verwies Christine auf Hans-Joachim Bannier, der sich unermüdlich der Erforschung alter Obstsorten widmet. Zwischen Zweigen, Früchten und Fachwissen wurde deutlich: Ein Apfelbaum kann weit mehr sein als ein Apfelbaum. Archiv. Rätsel. Geschmackserlebnis.
Ein Herz für Hochverpupper
Am Rand eines Luzerne-Kleegrasackers zeigte Frank auf den Wilden Dost, auf dem kleine Feuerfalter unterwegs waren. Seine Botschaft war schlicht und einleuchtend: Trockene Wohlfühlinseln, in denen abgestorbene Stängel über den Winter stehen bleiben dürfen, sind für viele Tiere überlebenswichtig. Was für menschliche Augen ein wenig unordentlich aussehen mag, ist für Insekten beste Wohnlage. Kattner untermauerte Franks Beobachtung mit einem wichtigen Fakt für die Insektenwelt: Bestimmte Arten, wie die sogenannten Hochverpupper, überwintern oberirdisch direkt an den Stängeln. Wer im Herbst radikal alles abmäht, beseitigt nicht nur vertrocknete Pflanzen, sondern die Kinderstube gleich mit. Ein wenig Gelassenheit vor Sense, Schere und Rechen ist deshalb eine echte Wohltat für die Insektenwelt – im Herbst ebenso wie im Frühjahr.
Der Rundgang hielt immer neue kleine Überraschungen bereit. Frank führte die Gruppe am Taffet-Apfelbaum vorbei. Er treibt im Frühjahr so spät aus, dass man kurz meinen könnte, er habe sich verabschiedet. Doch dann legt er los – spät, aber zuverlässig – und liefert wunderbare Früchte für den Apfelsaft. Gleich daneben zog der Jakob-Fischer-Apfelbaum mit seinem typischen Wuchs die Blicke auf sich. Ein stiller Star des Tages war eine mächtige Eiche mit viereinhalb Metern Stammumfang - der imposante Zwiesel ist mindestens 150 Jahre alt. Überall am Wegesrand leuchtete es: Die tiefblaue Wegwarte öffnete ihre Blüten, ganz die Frühaufsteherin, nur bis zum Mittag. Dazwischen leuchteten Gelber Klee, Schafgarbe und Wilde Möhre. Honiggras, Spitzwegerich und Wiesenlabkraut füllten die grünen Zwischenräume, während Thymian und zartes Zittergras eher leise auf sich aufmerksam machten. Auch Heilziest, Sichel-Luzerne und der farbenfrohe Zickzack-Klee säumten den Weg.
Im Hohlweg summt das Leben
An den belebten Hohlwegen zeigte Christine schließlich, wie viel Leben sich in alten Wegestrukturen verbirgt. Über lange Zeit, etwa durch das Befahren mit kleineren Fahrzeugen entstanden, sind sie wahre Schatzkammern der Biodiversität. In den windgeschützten, sonnenwarmen Erdwänden finden Grillen und Hummeln geeignete Nist- und Rückzugsplätze. Verlassene Mäuselöcher werden zu Winterquartieren für Nützlinge. Leerstand? Fehlanzeige. Dass schwere Maschinen den empfindlichen Rändern fernbleiben, ist für Christine ein großes Glück. Und für die vielen kleinen Bewohner wohl erst recht. Zum Ausklang wurde bei Kaffee, Tee, hofeigenem Apfelsaft und selbstgebackenem Zwetschgendatschi weitergeredet, gefragt und gelacht. Und vermutlich ging mancher mit einem etwas geschärften Blick nach Hause. Denn wer einmal genauer hingesehen hat, entdeckt am Wegesrand nicht nur Gräser, Blüten und alte Stängel. Er sieht jetzt Verbindungen, Rückzugsorte, Kinderstuben und eine erstaunliche Vielfalt, die zeigt, wie viel schon gewonnen ist, wenn die Natur ein wenig mehr Raum bekommt.
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