Schatzkammer der Artenvielfalt
Ehrenamtliche Baumpaten kümmern sich um rund 40 Bäume auf Streuobstwiese bei Waging am See
Artikel von Anneliese Caruso, Südostbayerische Rundschau vom 07.05.2026
Waging am See. Zwischen blühenden Apfel‑, Birnen‑ und Zwetschgenbäumen, begleitet vom Summen der Insekten und dem weiten Blick über die Ebinger Wiesen, wurde bei einer Exkursion schnell klar: Diese Streuobstwiese lebt nicht nur von ihrer Artenvielfalt – sie lebt vor allem von den Menschen, die sich um sie kümmern. Die Ökomodellregion Waginger See–Rupertiwinkel (ÖMR) und der Landschaftspflegeverband Traunstein (LPV) hatten eingeladen, und zahlreiche Interessierte folgten dem Ruf.
Schon auf den ersten Metern öffnete sich den Teilnehmenden ein kleines botanisches Universum. Zwischen den Obstbäumen entdeckten sie nicht nur alte Sorten, sondern auch die stille Vielfalt am Boden: ein Mosaik aus Gräsern und Blumen, das die Wiese in einen lebendigen Teppich aus Farben und Düften verwandelt.
Regionale Raritäten unter den Obstbaumsorten
Im Mittelpunkt standen an diesem Tag aber jene, die die Ebinger Wiese zu dem machen, was sie ist: die Baumpaten rund um Annette und Erich Bobenstetter. Seit dem ersten Pflanztag begleiten sie „ihre“ Bäume mit Hingabe, organisieren die Pflege basisdemokratisch und teilen sich im Gegenzug für die ehrenamtliche Arbeit die Ernte.
ÖMR‑Managerin Marlene Berger‑Stöckl und LPV‑Vertreter Max Rathmayer erklärten, wie wertvoll diese Arbeit ist. Die Wiese liegt auf einer kommunalen Ausgleichsfläche und wäre ohne die Baumpaten kaum in diesem Zustand zu halten. Unter den rund 40 Bäumen finden sich regionale Raritäten wie der Waginger Kalvill, der Bergener Weinling oder die Zuccalmaglio Renette – Sorten, die nur durch kontinuierliche Pflege und Weitergabe langfristig erhalten bleiben.
Rathmayer gab zudem Einblicke in die Obstbauaktionen des LPV, der jährlich Hochstammbäume pflanzt und alte Bestände durch Auslichtungsschnitte erhält. Doch auch hier gilt: Ohne Menschen, die sich dauerhaft kümmern, bleibt jeder Baum nur ein Anfang.
Ein weiterer Schwerpunkt der Führung war die Bio‑Sammelzertifizierung, die der LPV Traunstein organisiert und die in Zusammenarbeit mit den Bürgermeistern der Ökomodellregion 2018 auf den Weg gebracht wurde. Sie ermöglicht es Streuobstwiesenbesitzern, ob privat, kirchlich oder kommunal, ihren Obstanger unkompliziert biozertifizieren zu lassen und das Obst zu besseren Preisen an regionale Keltereien oder weitere biozertifizierte Abnehmer zu verkaufen. Auch hier profitieren viele von der Unterstützung des LPV, der sämtliche Formalitäten übernimmt. Voraussetzung ist eine ökologische Bewirtschaftung ohne Spritzmittel und Mineraldünger.
„Aktuell nimmt die Saftkelterei Stöger in Übersee und die Obstbrennerei von Franz Gramminger bei Taching dieses Obst an und verarbeitet es entsprechend“. Der Verband übernehme die Förderanträge, bestelle die Bäume und liefere sie im Herbst aus, bevorzugt traditionelle, robuste Sorten, die an das Voralpenland angepasst sind. „Jetzt im Mai ist der ideale Zeitpunkt, sich zu melden, damit der LPV die Flächen besichtigen und den Förderantrag für die Herbstpflanzung vorbereiten kann“, so Berger‑Stöckl.
Wiese wird zwei- bis dreimal jährlich gemäht
Die Ebinger Wiese selbst ist ein extensiv bewirtschaftetes Grünland, das Biobauer Franz Abfalter aus Petting zwei- bis dreimal jährlich mäht und als Heu oder Silage an seine Pinzgauer Rinder verfüttert.
Besonders eindrucksvoll war für viele Teilnehmende der Blick nach unten: Frank Filliung, Biobauer aus Taching und profunder Kenner der Wiesengräser, führte gemeinsam mit Max Rathmayer mit sicherem Blick durch das bunte Mosaik aus rund dreißig verschiedenen Gräsern, Kräutern und Leguminosen. Gemeinsam bestimmte die Gruppe, was in diesem wertvollen Lebensraum beispielsweise wächst: Spitzwegerich, Gänseblümchen, Schafgarbe, Löwenzahn, Hornkraut, Karthäusernelken, verschiedene Kleearten wie z.B. Hornklee, Hahnenfußarten, Wiesenfuchsschwanz, Glatthafer, Wolliges Honiggras und Ruchgras, das zum typischen Heuduft beiträgt.
Die Bäume selbst brauchen für eine langjährig gute Entwicklung durchaus Nährstoffe, darauf wies der LPV-Fachmann hin, weshalb man in den ersten Jahren nach der Pflanzung die Baumscheiben von Grasbewuchs freihalten sollte. Dagegen herrscht auf der darunterliegenden Wiese erst dann eine große Artenvielfalt, wenn sie sich über die Jahre zur extensiv gepflegten Magerwiese entwickeln darf.
Im weiteren Verlauf der Exkursion demonstrierte Rathmayer anschaulich, wie ein Obstbaum richtig erzogen wird: Beim Pflanzschnitt werde der Mitteltrieb gestärkt, passende Leittriebe ausgewählt und Konkurrenztriebe entfernt, damit eine stabile Krone entsteht. Weitere Themen waren der Erhaltungsschnitt und Schnittwunden an Bäumen. Viele Teilnehmende nutzten die Gelegenheit, sich mit dem Experten und den erfahrenen Baumpaten auszutauschen.
Typische Fehler beim Baumpflanzen
Annette Bobenstetter gab abschließend einen Überblick über die gepflanzten Sorten und zeigte anhand von Beispielen, wie wichtig ein guter Boden und die richtige Pflanzung für die Obstbäume sind – denn wo der Boden verdichtet oder Bäume zu tief gepflanzt sind, sodass nach Regenfällen Feuchtigkeit stehen bleibt, können sich die Bäume nur kümmerlich oder gar nicht entwickeln.
Nach dem Rundgang über die Wiese kehrten alle Teilnehmenden zum Ausgangspunkt zurück, wo sie den Vormittag gemütlich ausklingen ließen. Als kleine Stärkung gab es ein Glas frisch gepressten Apfelsaft aus regionalem Streuobst, ein passender Genuss nach so viel Naturwissen. Zudem konnten sich alle mit Infomaterial eindecken, um das Gesehene und Gehörte zuhause noch einmal nachzulesen.
Am Ende blieb vor allem eines hängen: Streuobstwiesen sind lebendige Kulturlandschaften. Der Einsatz der Streuobstwiesenbewirtschafter macht die Wiese zu einer Schatzkammer der Artenvielfalt und zu einem Ort, an dem Natur, Landschaft und Gemeinschaft zusammenfinden.
Wer selbst eine Obstwiese anlegen oder ergänzen möchte, kann sich beim Landschaftspflegeverband Traunstein (Tel. 0861 / 58-7612) oder der Ökomodellregion (Tel. 08681 / 4005‑37) melden.
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