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Professor Dr. Hartmut Graßl: „Nix g’wies woaß ma ned“

Es wird wärmer im Rupertiwinkel, aber wohl nicht nässer – Hochkarätiger Wissenschaftler am Rottmayr-Gymnasium

Bericht von Hannes Höfer, Südostbayerische Rundschau vom 03.04.2017

Laufen. Als kleiner Hüterbub ist Hartmut Graßl am Hochkalter und am Blaueisgletscher herumgekraxelt. Diesen Gletscher wird es bald nicht mehr geben. Die Temperaturen steigen ganz besonders in den Alpen; die Niederschläge verteilen sich künftig anders. In Laufen werden sie wohl nicht mehr werden, aber Einzelereignisse heftiger mit längeren Trockenphasen dazwischen. Die Laufener Agenda 21 hatte den hochkarätigen weltweit tätigen Wissenschaftler und inzwischen emeritierten Professor Dr. Hartmut Graßl ins Rottmayr-Gymnasium eingeladen, um aus berufenem Munde zu erfahren, was die Menschen im Berchtesgadener Land in Zukunft erwartet.

Graßl nennt diesen Landkreis „Paradiesgärtlein in Mitteleuropa“. Er reicht von 383 Metern Meereshöhe bei Laufen bis hinauf zur 2.713 Meter hohen Watzmann-Mittelspitze. Eine Spanne von 2.230 Metern. Entsprechend groß ist auch die Temperaturspanne: In Laufen liegt die jährliche Durchschnittstemperatur um 13 Grad Celsius höher als im Hochgebirge. Im Prinzip wäre hier Weinbau möglich, „aber es ist zu feucht“. An der Feuchte werde sich in der Region um Laufen kaum etwas ändern, meint Graßl, gesteht aber auf gut bairisch ein: „Nix g’wieß woaß ma ned.“

Gut 1.000 Millimeter Niederschlag sind es im Rupertiwinkel, im Gebirge bis zu 3.000 Millimeter und mehr. „Warum fährst Du im Juli nach Berchtesgaden?“, fragt Graßl einen fiktiven „Preuß’n“, denn hier regne es um diese Zeit drei- bis viermal so viel wie in Hamburg, insgesamt aber werde es im Norden nässer. Tiefdruckgebiete zögen heute weiter nördlich, weshalb es etwa in Norwegen mehr Regen und weniger Sonne geben werde. Zwischen den Jahren 1960 und 1990 gab es bei uns im Schnitt zwei bis drei „heiße Tage“ im Jahr, was eine Temperatur über 30 Grad Celsius bedeutet. „Das hat sich verdoppelt“, sagt Graßl, „und es gibt immer wieder neue Rekorde.“

Mit der Temperatur steigt allein schon aus physikalischen Gründen die Niederschlagsmenge an; um rund acht Prozent bei einem Grad Anstieg. In Gebirgsregionen um bis zu 20 Prozent. Die Tage mit Schneedecke nehmen auch in mittleren Lagen ab; so manche Schigebiete werden aufgeben müssen. Blaueis- und Watzmanngletscher werden in absehbarer Zeit verschwinden, bloß die Eiskapelle am Fuße der Watzmann-Ostwand wird als niedrigster Kleingletscher der Alpen wohl erhalten bleiben, weil der sich aus Lawinenschnee speist. Vier Quadrat-Kilometer Gletscher hatte Bayern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, 1950 war davon noch ein Viertel übrig, heute sind es zwölf Prozent.

Tatsächlich aber hat die Gletschermasse in Europa bis in die Mitte der 1990er Jahre zugenommen, da in Nordländern wie Island viel Niederschlag zu Eis wurde. Heute steigt der Meeresspiegel rund drei Millimeter pro Jahr, wofür hauptsächlich die Erwärmung der Meere verantwortlich ist, da sich Wasser mit höherer Temperatur ausdehnt. „Ein Grad Zunahme bedeutet etwa 60 Zentimeter Anstieg“, verdeutlichte Graßl die mögliche Dimension. Allerdings dauere es tausend Jahre, ehe sich die Ozeane einmal umwälzen. Vor dem vieldiskutierten Abriss des Golfstroms brauche man zumindest in diesem Jahrhundert keine Angst zu haben. Und Auswirkungen wie im Film „The Day After Tomorrow“ seien ohnehin „Unsinn“.

Sorge bereitet Graßl und der Wissenschaft etwas Anderes: In manchen Weltgegenden wird es so heiß werden, dass ein Mensch nicht mehr überleben kann; nämlich dann, wenn die Temperatur an der Hautoberfläche die Körpertemperatur erreicht. Bei uns werden Sturzfluten zunehmen, der Frühjahrsniederschlag vermutlich auch. Längere Trockenzeiten bedeuten mehr Verdunstung und damit mehr Erosion. Die Waldgrenze wird nach oben steigen, die Vielfalt zunehmen. „Pflanzen und Tiere werden einwandern, andere werden aussterben“, weiß Graßl. Die Anzahl der Pflanzen in Gipfelregionen nehme massiv zu; so fänden sich heute schon am Schlunghorn auf 2.300 Meter 120 Pflanzenarten.

Hartmut Graßl setzt große Hoffnungen in das völkerrechtlich verbindliche Paris-Abkommen zum Klimaschutz. Damit flössen jährlich hundert Milliarden Euro in Entwicklungsländer; aber es müsse in 30 bis 40 Jahren die Energie-Versorgung weltweit umgekrempelt werden. Die Bundesrepublik ziele auf eine „Treibhausgas-Neutralität“. Angesichts des auch 2016 wieder gestiegenen CO2-Ausstoßes ein großes Ziel. „Die Schweinhax’n senken“, beschreibt Graßl den Umstieg in eine „völlig andere Landwirtschaft“, denn die Zukunft sei biologisch-dynamisch.

Gleichwohl ist Graßl skeptisch, „ob die Menschheit das durchhält“, angesichts der politischen Bedingungen. Nur ausreichend viele Demokratien wären in der Lage, den zusätzlichen Treibhauseffekt anzuhalten. In den USA etwa sei die Forschung in diesem Bereich hochkarätig, deren Einfluss auf die Politik jedoch gering.

Was man denn vor Ort tun könne, war eine der Besucherfragen. „Moore schützen und wieder vernässen“, sagt Graßl, denn die seien als natürliche Kohlenstoffsenken bedeutsam, da sie sehr viel CO2 speichern. „Benzin- und Dieselautos beseitigen“, lautet ein weiterer Vorschlag des Wissenschaftlers, „und auf Ökostrom umsteigen.“

Hartmut Graßl verabschiedete die Besucher mit einem Zitat, das er vor vielen Jahren in einem Buch gelesen hatte: „Tun Sie einmal gar nichts. Nichtstun ist die ökologisch verträglichste Form des Daseins.“

Ein Ramsauer Bauernbub als Wissenschaftler mit weltweiter Perspektive

Prof. Dr. Hartmut Graßl, Jahrgang 1940, ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und emeritierter Professor der Universität Hamburg. Er übt Funktionen in verschiedenen wissenschaftlichen, wissenschaftspolitischen und wirtschaftlichen Gremien aus. Professor Graßl ist u.a. Vizepräsident des Stiftungsrates des Nansen International Environment and Remote Sensing Centre (NIERSC) in St. Petersburg (Russland), Vorsitzender der Gesellschafterversammlung des Potsdam-Institutes für Klimafolgenforschung (PIK), Vorstand des Beirates der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW),Vorsitzender des Klimarates der bayerischen Staatsregierung, Mitglied im Stiftungsrat der Münchner Rück Stiftung und im Aufsichtsrat der Scintec AG in Rottenburg bei Tübingen. Von 1992 bis 1994 sowie von 2001 bis 2004 war Professor Graßl Mitglied und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates Globale Umweltveränderungen“ (WBGU) der Deutschen Bundesregierung.

1966 erlangte Hartmut Graßl seinen Abschluss als Diplomphysiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort promovierte er 1970 im Fach Meteorologie und habilitierte 1978 in diesem Fach an der Universität Hamburg. Von 1971 bis 1976 arbeitete Hartmut Graßl als Projektwissenschaftler im Sonderforschungsbereich „Atmosphärische Spurenstoffe“ an der Universität Mainz. Am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg leitete er von 1976 bis 1981 eine Wissenschaftlergruppe. Von 1981 bis 1984 bekleidete er am Institut für Meereskunde der Universität Kiel eine C3-Professur für Theoretische Meteorologie. Er wechselte 1984 zum GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht bei Hamburg, wo er das Institut für Physik leitete und Aspekte der Umweltforschung integrierte. 1988 nahm Professor Graßl eine C4-Professur am Meteorologischen Institut der Universität Hamburg an und wurde zugleich Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie. Von 1994 bis 1999 war er Direktor des Weltklimaforschungsprogrammes bei der „World Meteorological Organisation“ (WMO) in Genf. 1999 kehrte Hartmut Graßl nach Hamburg zurück und übte bis zu seiner Emeritierung 2005 weiterhin seine Funktionen als Professor an der Universität Hamburg und als Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie aus. Seine Forschungsgebiete sind weiterhin Satelliten-gestützte Fernerkundung der Atmosphäre und der Ozeanoberfläche, globaler Klimawandel.

Hartmut Graßl wurde zahlreich ausgezeichnet; unter anderem 1991 mit dem Max-Planck-Preis, 1998 mit dem Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und 2002 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland, 2005 mit der Ehrennadel der Universität Hamburg und 2008 mit dem Bayerischen Verdienstorden.

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